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Reisebericht Südsee | Drucken |
(10.03.2017) Die zweite Jahreshälfte 2016 hat Sebastian Vagt, unser Klassenvorsitzender Deutschland mal Deutschland sein lassen und war für ein halbes Jahr in der Südsee segeln. Hier ist sein Reisebericht:


Ein halbes Jahr unter Segeln in der Südsee – ein Abenteuer in 6 Akten

Juli  Tahiti
Wir sitzen auf der Terrasse unserer AirBnB-Unterkunft. Für die Schönheit der türkisfarbenen Lagune unter uns haben wir gerade keinen Blick, denn es ist noch viel zu tun, um unsere sechsmonatige Traumreise zu organisieren: ein Segeltörn durch Französisch Polynesien, quasi als Backpacker mit Boot. Durch ein Land, das aus 113 Inseln besteht, verteilt auf einer Fläche so groß wie Europa, mit so vielen Einwohnern wie Mannheim. Durch ein Land, dass außer Tahiti und Bora Bora noch so viel mehr und weniger Bekanntes zu bieten hat: entlegene Atolle, herzliche Menschen, Fisch und Kokosnüsse im Überfluss. All das hat uns zumindest Bobby Schenk in Südseeträume versprochen. Zur Verwirklichung unseres Traums fehlt uns nur noch ein winziges Detail: das Boot. Denn sollten wir nicht über den Status „Backpacker ohne Boot“ hinaus kommen, wäre der Großteil unseres 85 Kilogramm schweren Gepäcks ziemlich sinnlos:  Satellitentelefon, Peilfernglas, Tidentabellen, Ölzeug, Angelrute, um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Die ersten beiden Bootsbesichtigungen sind der Horror. Als uns die „Gib’Sea“ zur Besichtigung aufgeschlossen wird, fühle ich mich, wie bei der Öffnung der Grabkammer einer ägyptischen Pyramide. Der Geruch von Schimmel und modrigem Holz ist unerträglich. Die Eigentümer einer „Fast 38“ sehen uns verwundert an, als wir die Kielbolzen betrachten wollen. Sie waren nie gesegelt und hatten das Boot einzig als schwimmendes Apartment genutzt. Entsprechend erleichtert sind wir, als wir auf der „Sigma 36“ stehen, die wir seit sechs Monaten im Auge hatten. Eine Hamburger Familie hat ihre Weltumsegelung in Tahiti abgebrochen (wie so viele) und wir sind die Profiteure, die ihnen die zurückgelassene Segelyacht nun abkaufen. Die lästige Anreise über Atlantik und Pazifik bleiben uns ebenso erspart wie die teure und umständliche Ausrüstung eines Fahrtenbootes. Wir würden einfach hier im Paradies übernehmen. Den Preis hatten wir bereits beim gemeinsamen Kaffee in Hamburg ausgehandelt.

Die Sigma 36 ist ein britisches Fahrten- und Rennboot der Werft „Marine Projects“, sehr solide und schnell. Im warmen Holz-Interieur fühlen wir uns sofort wohl. Die Vorbesitzer haben Solarpaneele, einen Wasser-Entsalzer und Autopiloten installiert – alles was wir für unsere Expedition brauchen. Sogar ein kleines Beiboot, in dem wir später regelmäßig ausgelacht werden würden, ist dabei. Mich als Regattasegler überzeugt außerdem der hohe Mast und das trimmbare 7/8-Rigg. Wir sind glücklich, endlich haben wir unser Boot (und damit auch eine Klebefläche für den aus Deutschland mitgebrachten Schriftzug mit dem neuen Bootsnamen: PUFFIN).

Unserer Reise als „Backpacker mit Boot“ steht also nichts mehr im Wege. Wir sind außerdem die perfekte Crew. Als Marineoffizier und Regattasegler habe ich die nötige Qualifikation und Susi hatte die Idee. Das bedeutet viel, denn die meisten Frauen werden von ihren Männern zum Fahrtensegeln überredet. In diesem Fall wurde ich überredet und würde bei allen Katastrophen sagen können: „Es war doch deine Idee!“

Fast August – leider immer noch Tahiti
Mir schmerzt die Hand. Nachdem mich eine tropische Wespe in den Finger gestochen hatte, prügelte ich im Zorn auf den Baum ein. Susi hat Tränen in den Augen. Die Liste der Dinge, die nicht funktionieren und uns an der Abreise hindern ist lang: Wasser-Entsalzer, Windgenerator, Außenbordmotor, Kühlschrank, Echolot, Navigationscomputer. Ursache der Probleme ist der Zahn der Zeit, der hier in Form von UV-Licht und Salzwasser besonders gnadenlos zubeißt, hinzu kommt unsere Ahnungslosigkeit. Mir schwant mittlerweile, dass ich doch nicht perfekt qualifiziert bin. Meine Erfahrung beschränkt sich darauf, Kriegsschiffe von A nach B und Segelboote im Kreis zu bewegen. Mit Unterhalt hatte ich nie etwas am Hut. Auf dem Kriegsschiff gab es dafür die Mechaniker und Elektriker, beim Contender hatte ich Schappie. Wie konnte ich mir einbilden, dass ich, der Ampère eher für einen Apéritif als für eine Maßeinheit der Stromstärke hält, ein Fahrtenboot nach 12-monatiger Lagerungszeit mal so eben in einer Woche fit mache? Die ersten Wochen als Bootsbesitzer in einer Marina auf Tahiti sind hart und teuer. Moorea ist die ganze Zeit am Horizont zu sehen, als würde es auf uns warten. Dank freundlicher Helfer und dem intensiven Studium zahlreicher Gebrauchsanleitungen kommt der Tag, an dem wir endlich lossegeln.

September  Maupiti
Eine Perle im Pazifik ist die kleine und wenig besuchte Insel Maupiti. Fragt man die Einwohner, ob man Fisch bei ihnen kaufen könne, schütteln sie lachend den Kopf und schenken einem mehr Fisch als man essen kann. Möchte man auf die andere Seite der Insel fahren, stellt einem der Bürgermeister schon mal den einzigen Polizisten als Chauffeur zur Verfügung.  Polynesier interessieren sich wenig für Geld aber viel für Menschen. Ihre Herzen kann man durch zwei Dinge erobern: Erstens man hebt etwas Schweres hoch oder zweitens man isst viel. Das Hochheben von schweren Sachen wird bei den Polynesiern zelebriert, indem man Felsbrocken auf die Schulter hievt, ein Sport, den Jugendliche mit Vorliebe betreiben. Zwar hebe ich keine Felsbrocken hoch, fungiere jedoch in Ermangelung einer elektrischen als „menschliche Ankerwinsch“. Wenn die Polynesier mich dabei beobachten, wie ich den 16 Kilo schweren Brake-Anker samt 10-Milimeter-Kette aus der Tiefe wuchte, jubeln sie mir häufig zu und zeigen dabei ihre angespannten Oberarme. Das gefällt mir. Außerdem kann ich ihre Behauptung, Touristen hätten Mägen wie Vögel, bei jedem Restaurant-Besuch leicht entkräften. Ein sympathisches Land.

Das Teamwork zwischen uns und PUFFIN gestaltet sich allerdings weiterhin schwierig. Nachdem wir die Lagune von Maupiti Richtung Bora Bora verlassen haben, erstirbt unser Motor plötzlich und ohne Angabe von Gründen. (Wie wir später lernen sollen, hat aufgrund eines undichten Tankdeckels Regenwasser unseren Sprit verdünnt.) Wir setzen Segel und kreuzen erst einmal wie geplant die knapp 30 Seemeilen in Richtung Bora Bora. Bei sechs Windstärken, zwei Metern Welle und bedecktem Himmel erinnert der Südpazifik an diesem Tag sehr an die Ostsee zwischen Kiel und Aerö. Ein flaues Gefühl verursacht uns aber unser Problem mit dem Motor. Wir werden ihn brauchen, um in die Lagune von Bora einfahren zu können. Das Segelrevier hier ist nämlich nicht ganz so einfach, wie es in Geschichten von der „Barfuß-Route“ und dem „Coconut-Milk-Run“ gern erzählt wird. Erstens herrschen in den Einfahrten, sogenannten Pässen, oft starke Strömungen, sie ähneln dann reißenden Gebirgsbächen. Zweitens braucht man Tageslicht, um sich in einer Lagune zu bewegen und zu ankern, denn es gibt viele Korallenköpfe, die nicht in den Seekarten verzeichnet und nur durch einen einzigen Sensor wahrnehmbar sind: das eigene Auge. Das heißt, sollten wir den Motor nicht bei Tageslicht zum Laufen bekommen, werden wir die Nacht notgedrungen segelnd auf dem offenen Meer verbringen.

Als wir den Pass von Bora erreichen und anfangen am Motor rumzufummeln, haben wir noch eine Stunde bis zum Sonnenuntergang. Bei meinen Recherchen zum „Volvo Penta MD 2030“ war ich in einem Online-Forum zuvor auf den Kommentar eines Users  gestoßen, diesen Motor könne man am besten verwenden, indem man ihn über Bord würfe und als Mooring nutze. Trotz dieser pessimistischen Prognose bekommen wir das türkis-grüne Ungeheuer nach Filterwechsel und Entlüften wieder an und laufen in die Lagune ein. Hinter uns geht langsam die Sonne unter. Uns entgegen kommt ein Kreuzfahrtschiff. Dessen Passagiere blicken auf uns herab, wie wir mit diesel- und ölverschmierten Händen auf unserem kleinen Boot stehen. Ob mit Neid oder Mitleid kann ich nicht sagen. Wir fühlen uns jedenfalls großartig. Wir haben uns Bora Bora verdient.

Oktober  Makemo
Nach zwei Monaten in den Gesellschaftsinseln brechen wir auf in den Archipel der „Tuamotus“: Knapp 70 weit verstreute Atolle, die nur zwei oder drei Meter aus dem Wasser ragen, und vor allem eine atemberaubende Unterwasserwelt zu bieten haben. Die mehrtägige Überfahrt dorthin beginnt denkbar schlecht. Der starke Passatwind hat den Pass von Taha’a zu einem reißenden Fluss mit stehenden Wellen aufgepeitscht. Als wir das merken, sind wir bereits mitten drin. Umdrehen erscheint bedrohlicher als durch zu motoren. Der Bug stößt tief in die Wellen und schaufelt Wassermassen an Deck. Das Rigg leidet hörbar unter den harten Stößen. Draußen, auf See und unter Segel, wollen wir gerade aufatmen, als wir eine erschreckende Entdeckung machen: Im Cockpit liegt ein gebrochenes Terminal, in Form und Größe genau wie die, die unsere Wanten und Stagen im Mast halten. Ein banger Blick nach oben führt aber zu der überraschenden Feststellung, dass noch alles dran ist. Beim Regattasegeln soll es ja vorkommen, dass einem der Gegner vor dem Start Schäkel oder Splinte ins Boot wirft, um einen zu verunsichern. Aber gibt es das auch beim Fahrtensegeln? Wer waren unsere letzten Nachbarn am Ankerplatz? (Die Herkunft dieses Teils klären wir nie, fest steht, dass unser Mast gehalten hat.)

Tatsächlich ist die Fahrtensegler-Community ziemlich großartig. Das zeigt sich, als wir in dem wunderschönen, geografisch großen, aber zivilisatorisch kleinen Atoll von Makemo liegen. Hier begegnen wir einem Problem neuen Ausmaßes. Es brennt an Bord der PUFFIN. Zwei schlecht isolierte Kabel treten unter dem Kartentisch mit einem lauten Zischen in folgenschweren Kontakt. Ich blicke in offene Flammen und sehe das Ende von Boot und Reise vor mir. Zum Glück gelingt es uns, sie mit einem Pulverfeuerlöscher zu ersticken. Kurz darauf eilen Jeff und Steve von den beiden anderen Booten in der Bucht herbei, um uns zu helfen. Die Qualität der Elektrik-Installation unseres Vorbesitzers kommentiert Jeff, ein Amerikaner, recht unmissverständlich: „What a fucking mess!“

Beide helfen uns bis spät abends die Elektrik wieder herzustellen und laden uns danach zum Trost-Dinner auf ihr Boot ein. Unserer Gegeneinladung können sie nicht folgen, da sie am nächsten Tag abreisen. „Just pass it on“, sagt der Brite Steve und gibt damit wieder, was mir der weltumspannende Geist der Segler-Community zu sein scheint. Man hilft einander ohne eine Gegenleistung zu erwarten.  Das macht ja auch unsere Gemeinschaft im Contender-Segeln aus. Seit diesem Tag wartete ich auf eine Gelegenheit etwas zurück zu geben, auch in dem Glauben dadurch eine neue Qualifikationsstufe als Fahrtensegler zu erreichen. Als ich beobachte, wie das schlecht angeknotete Dinghy eines Italieners davon treibt, eile ich mit dem Beiboot zu Hilfe und bringe es zurück. Ich freue mich fast mehr als er, denn: I passed it on!

November  Rangiroa
Es ist Nacht. Wir haben gerade Tahanea verlassen, ein Naturparadies, wo wir unter Wasser Haie und Mantarochen gesehen und an Land nistende Tölpel beobachtet und Kokoskrabben gegessen haben. Unser nächstes Ziel ist die Insel Rangiroa. Susi gibt mir zu Beginn meiner Nachtwache eine Tasse Kakao und einen Kuss. Der Sternenhimmel ist überwältigend. PUFFIN gleitet unter Genua und leicht gerefftem Groß scheinbar mühelos mit sieben Knoten durch die Nacht. Um unser Boot kreist eine Seeschwalbe, die Spaß daran zu haben scheint, im Licht der Dreifarbenlaterne abwechselnd grün, rot und weiß zu sein. Ich denke an Bernard Moitessier, dessen La Longue Route ich lese, und an die Teilnehmer der Vendée Globe, die gerade zu ihrer Weltumrundung gestartet sind. Wir segeln nicht so weit wie Moitessier und nicht so schnell wie Alex Thomson, aber in dieser Nacht teile ich ihre Begeisterung für Himmel, Meer und Segel. Und ich fühle mich für die Probleme und Strapazen der ersten Wochen entschädigt.

Dezember – Huahine
Zurück in den Gesellschaftsinseln. 1800 Seemeilen sind wir gesegelt und 12 Inseln haben wir besucht. Die Reise ist bald vorbei. PUFFIN wird dann an Land gebracht und steht wieder zum Verkauf. Hinter uns liegt mehr, als in diesen Artikel passt. Kleine Katastrophen und große Probleme. Wir haben drei Szenarien aus Joachim Schults Notfälle auf See am eigenen Leib erlebt (Feuer, Ruderversager, Aussegeln eines Gewitters). Aber auch großartige Erlebnisse. Die Versprechen aus Bobby Schenks Südseeträume wurden eingelöst. Wunderschöne Natur, unglaublich herzliche Menschen und das Gefühl von großer Freiheit und Selbstbestimmtheit. Trotzdem haben wir beide auch genug Sehnsucht entwickelt, um glücklich nach Hause und in unsere normalen Leben zurückzukehren. Worauf ich mich freue? Wieder mit meinem Contender im Kreis zu segeln und bei Schappie anzurufen, wenn etwas kaputt geht!

 
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